YogKlang
Bauer & Werkzeug

Yoga-Stellung, Drehsitz1. Der Bauer und sein Werkzeug

Ein guter Bauer braucht ein fundiertes Wissen um den richtigen Gebrauch seines Werkzeuges und ein Verständnis jener Zusammenhänge, die bei der Anlage und Bewässerung des Feldes eine Rolle  spielen. Welche Impulse das Werkzeug Asana geben kann, beantwortet sich vor allem über die Frage: Welche Anforderungen stellt dieses Asana, diese Asanapraxis?

Asanas & der Bauer und sein Werkzeug

Wie der Bauer sein Werkzeug einsetzt und Impulse setzt, so setzten Asanas Impulse, indem sie einen Menschen mit bestimmten Anforderungen konfrontieren. Eine Vorbeuge z.B. fordert eine Dehnung der Körperrückseite. Diesen Impuls gibt sie der übenden Person. Das unterscheidet die Vorbeuge auch von einer Rückbeuge, die diesen besonderen Impuls nicht geben kann: Jede Yogaübung stellt andere Anforderungen. Sie zu verstehen und voneinander unterscheiden zu können, entspricht dem Wissen des Bauern um seine Tätigkeiten auf dem Feld und das dafür notwendige und nützliche Werkzeug. Wir wissen natürlich noch nicht, wie eine bestimmte Person auf einen besonderen Impuls reagieren wird.

Die Dehnung der Körperrückseite wird bei der einen Person die Beweglichkeit vergrößern, bei der anderen den unteren Rücken überlasten und beim dritten den unteren Rücken entspannen. Aber ohne den durch die Yoga-Stellung gegebenen Impuls zu verstehen, ohne zu wissen welche Anforderungen wir gestellt haben, gleichen wir einem Bauern, der zwar auf einem Feld herumhackt und hier und dort Wasser verspritzt, aber nicht weiß, wie ein Spaten gehalten wird und wozu Wasser gut sein kann.20110602_9_282

Die Impulse die Yoga-Stellungen setzen, betreffen dabei verschiedene Ebenen einer Person: die des Körpers ebenso wie die des Mentalen, also die Ebene der Wahrnehmungen, Empfindungen, Erinnerungen, Vorstellungen und Gefühle. Während sich die Anforderungen eines Asanas auf der körperlichen Ebene recht klar umreißen lassen, ist dies auf der Ebene des Mentalen sehr viel schwieriger möglich.

Welche Impulse, welche Anforderungen setzt eine Yoga-Haltung zum Beispiel auf der psychischen Ebene? Für jemanden mag das Üben einer körperlichen einfachen Stellung mit einem inneren Widerstand verbunden sein. Es zu praktizieren fordert die Überwindung dieses Widerstands. Für jemand anderen dagegen mag es die liebste Übung sein. Für die eine wird die Praxis des Sonnengrußes den Impuls, die Anforderung enthalten: Überwinde Deine Trägheit! Für die andere die Anforderung, sich damit auseinander zu setzen, dass der Übungsablauf heute sehr langweilig empfunden wird. Was auf der körperlichen Ebene als Impuls und Anforderung einfach beschreibbar ist, verschließt sich auf der Ebene des Mentalen einer eindeutigen Zuordnung.

Yoga-Stellung, KräheEin Mensch kann eine Yoga-Stellung z.B. die Mondstellung – eine öffnende Yogaübung, jahrelang regelmäßig und intensiv üben und trotzdem bleibt sie seinen Mitmenschen gegenüber so verschlossen wie am ersten Tag der Praxis. Statt „Öffnung“ verbindet jemand mit dieser Haltung vielleicht ein Gefühl großer Stabilität. Und wieder jemand anderes wird sich von der dafür nötigen Spannung emotional positiv angesprochen fühlen. Natürlich erleben Yogapraktizierende immer wieder, dass ihnen beim Üben wirklich das Herz aufgeht, ohne dass ihnen dieses Gefühl von einem gut meinenden YogalehrerIn bloß eingeredet wurde. Diese Wirkung ist aber kaum einem besonderen Asana zuzuschreiben, sondern der Übungssituation insgesamt. Die dabei ausgelösten Empfindungen könnten bei den verschiedenen TeilnehmerInnen vielfältiger, unerwarteter und veränderlicher nicht sein. Das ist kein Grund zur Verunsicherung. Vielmehr ist die Erkenntnis dieser Vielfalt eine Aufforderung, sich auch noch nach dem Durchstechen des Damms dafür zu interessieren, was auf dem gewässerten Feld heranwächst. Nur so kann gelernt werden, mit den unterschiedlichsten und auf dieser Ebene kaum vorhersehbaren Wirkungen der Yogapraxis verantwortungsvoll umzugehen. Asanas auf diese Weise verstehen zu lernen, ist die wichtigste Voraussetzung für einen kompetenten Umgang mit diesem Werkzeug: Welche Anforderungen stellt dieses Asana? Wie kann ich erkennen, dass jemand an einer seiner Anforderungen zu scheitern droht? Welche dieser Anforderungen birgt häufig ein Risiko in sich? Aus diesem Verständnis der Anforderungen entwickelt sich ein Wissen um die Impulse, die Anstöße, die eine bestimmte Yoga-Stellung zu geben imstande ist. Damit ist das Fundament gelegt, ein geschickter Bauer zu werden. Was schließlich auf einem Feld heranwächst, erklärt sich nicht aus dem Bemühen des Bauers, sondern aus den Eigenschaften, Potenzialen und Strukturen dieses besonderen Feldes.

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